Ein gutes Land, das noch besser werden kann: Meine Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

Der offizielle Festakt zum Tag der Deutschen Einheit im Bremer Konzerthaus „Die Glocke“ hat mir einen besonderen Moment der Besinnung geschenkt. Souverän und empathisch führte uns Katja Riemann durch das Programm und erinnerte an ein literarisches Juwel, das aktueller nicht sein könnte: die berühmte
„Kinderhymne“ von Bertolt Brecht.

Dieser Text passte für mich auf wunderbare Weise zu den kraftvollen Worten unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. In seiner Festrede für unser geeintes Deutschland forderte er uns auf, die Verschanzungen des täglichen Missmuts zu verlassen und uns mit Leidenschaft und Hoffnung der Zukunft zuzuwenden. Er rief die Politik und uns alle dazu auf, die realen Probleme und Sorgen der Menschen ernsthaft wahrzunehmen und entschlossen zu lösen, anstatt wegzusehen. Gleichzeitig setzte er ein klares Zeichen gegen Spaltung, indem er betonte, dass wir Ängsten im gesellschaftlichen Miteinander keinen Raum geben dürfen.

Sein zentraler Appell hallt in mir nach:


„Habt Mut zur Erneuerung! […]
Unser Deutschland ist ein gutes Land. Schaffen wir ein noch besseres!“



In seiner Ansprache hob er zudem hervor:


„Unsere Demokratie steht nicht zum Verkauf!
Weder an den Meistbietenden noch an den Lautesten!“


 

Werte müssen auf einem festen Fundament stehen. Es bedeutet, für die eigenen Werte aufrecht einzustehen und die eigene Integrität niemals zu veräußern.

Stärken wir die Artenvielfalt in der Natur ebenso wie die
Vielfalt im selbstständigen Denken.
Weg von den Giganten der Großindustrie,
hin zu innovativen Betrieben.
Weg von Betonwüsten,
hin zu Lebensräumen im Einklang mit Natur und Mensch.
Bäuerliche Vielfalt statt zerstörerischer Monokulturen
ebnet den Weg zu einer fruchtbaren Versorgung und einem echten, globalen Frieden.

Blicken wir über die Grenzen hinaus, wird spürbar: Die Welt ist im Herzen gut und gerecht. Deutschland ist seit jeher ein Mosaik aus vielen Einflüssen und Kulturen – eine Wahrheit, die für jedes Land gilt und uns mit allen Völkern dieser Welt verbindet. Grenzen sollten uns nicht trennen. Sie machen uns in unserer Identität und Vielfalt sichtbar – wie ein einzelner Stern im Kosmos, der erst durch seine klaren Konturen leuchtet.

Die Kluft zwischen Papier und Realität ist keine Lüge der Menschen. Die wahre Lüge liegt darin, dass uns gesellschaftlich nie beigebracht wurde, zu einer echten Gemeinschaft aus Nächstenliebe zusammenzuwachsen. Weder in den Kirchen und Schulen noch in den Städten, Dörfern oder im Sport wird uns dieses tiefe Fundament des Miteinanders vorgelebt. Es bleibt in unserer eigenen Wahrnehmung, in unserer Verantwortung und in unserem Mut, diese tiefe Verbundenheit im Alltag aktiv zu leben.

In Momenten, in denen es schwierig wird und wir dennoch fest an das Gute im Menschen glauben, kann sich die Welt verändern. Wir sehen oft das Schlechte, weil Medien und Nachrichten voll davon sind – das Gute bleibt im Getöse der Welt unsichtbar. Doch selbst wenn Schlechtes geschieht: Im selben Moment passiert unendlich viel mehr Gutes! Begegnen wir uns als Feind – oder als Gegenüber, das zum Freund werden kann? In unserem Verein leben wir diese Nächstenliebe und besinnen uns stets aufs Neue darauf.

Lasst uns von den Worten des Bundespräsidenten inspiriert sein, das Leben liebenswerter gestalten, die Erde ehren, den Boden unter unseren Füßen achten und das gute Miteinander mit unseren Nachbarn pflegen. Lernen, als Gemeinschaft auf diesem Planeten zu leben – und das fängt bei jedem Einzelnen von uns an! 

Dieses bessere Land lebt von der Hilfsbereitschaft und schöpferischen Kraft seiner Menschen. Lasst uns gemeinsam vorangehen: aus einer geteilten Geschichte heraus hinein in eine Welt der echten Gemeinschaft auf dieser Erde.


 

Genau dieses Streben nach einer friedlichen Welt – frei von Ausgrenzung und geleitet von aufrechter Völkerverständigung auf absoluter Augenhöhe – hat Bertolt Brecht bereits 1950 in unvergessliche Verse gegossen. Ein Werk als tägliche Inspiration für unser Handeln.

Kinderhymne
von Bertolt Brecht

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern woll’n wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das Liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.


 

Zusatz

Was bedeutet das Wort „Volk“ eigentlich?
Wenn wir heute im Alltag von einem „Volk“ sprechen, vermischen wir oft unbemerkt verschiedene Bedeutungen. Die moderne Wissenschaft und unser Rechtssystem unterscheiden vor allem zwei Seiten:

  • Das Staatsvolk (Demos): Das ist die rein rechtliche Definition unseres Grundgesetzes. Zum Volk gehören alle Staatsangehörigen – völlig unabhängig von Herkunft, Sprache oder Geburtsort. Es ist eine reine Werte-, Rechts- und Verfassungsgemeinschaft.
  • Die Abstammungsgemeinschaft (Ethnos): Dieser Begriff beschreibt die Vorstellung einer in sich geschlossenen Kultur- oder Blutlinie. Wissenschaftlich, genetisch und historisch ist das jedoch ein absoluter Mythos!

 

Konkret heißt das:

Die wissenschaftliche Wahrheit: Es gibt kein „reines“ Volk
Die moderne Genetik und die Geschichtswissenschaft belegen eindeutig: Eine biologisch reine Abstammungslinie existiert nirgendwo auf der Erde. Die Menschheit war seit jeher in Bewegung. Und ganz gleich, welche Nuancen die Forschung über die Wege unserer ältesten Vorfahren zwischen Afrika und Asien noch diskutiert – die Genetik beweist:
Alle Linien führen zu einer gemeinsamen Menschheitsfamilie.

Zu behaupten, man könne ein modernes Volk über das Blut definieren, ist eine unwissenschaftliche Lüge, die nur zur Ausgrenzung dient. Wir alle sind von Beginn an miteinander verwandt. Die einzige wahre Gemeinschaft ist die, die wir im Hier und Jetzt durch unser geteiltes Recht, unsere Werte und unsere gelebte Nächstenliebe erschaffen.

Warum Brechts Kinderhymne ein so starkes Symbol ist
Bertolt Brecht schrieb diese Zeilen im Jahr 1950 als bewussten Gegenentwurf zur damaligen ersten Strophe des Deutschlandliedes („Deutschland über alles“). Brecht erteilte jedem nationalistischen Größenwahn eine Absage und forderte stattdessen Frieden auf Augenhöhe. Seine Formulierung „Und nicht über und nicht unter andern Völkern woll’n wir sein“ fordert genau das ein, was auch wir im Sport, in den Dörfern und Städten täglich leben sollten: Gleichberechtigung, gegenseitigen Respekt und den Schutz unseres gemeinsamen Planeten.