Empfangen, aufnehmen und aktiv gestalten
Hermeneutischer Blickwinkel – Was soll das alles bedeuten?!
So langsam geht es in den Herbst! Die ersten Stare kehren ein und damit ist die Zeit bis zu den Herbstferien nicht mehr lange.
In bewährter Tradition geht damit auch die geistige Auseinandersetzung mit den Schmetterlingstagen einher.
Wir, der Vorwärts e.V. und seine Mitglieder, sind mehr als froh, dass auf der Insel in Sulzheim ein Ort geschaffen wurde, der den Raum und alle Möglichkeiten bietet, die für ein solch anspruchsvolles „Kinder-Retreat“ notwendig sind. Vier Tage intensive Forschungsarbeit mit jungen und alten Forschenden aus der Region und Umgebung.
Jedes Jahr aufs neue fragen wir uns in bewährter hermeneutischer Tradition – wie kann man die Schmetterlingstage in Worte fassen. Was ist das? Was ist die Idee? Dbzgl. wurde an dieser Stelle bereits der ein oder andere Artikel verfasst. Die Tage stolperte ich über ein schmackhaftes Interview mit dem Freiburger Philosophen Dr. Jochen Gimmel, der sich in seiner jüngeren Forschungsarbeit mit dem Wesensgehalt der Muße (2021) auseinandersetzte.
Folgende Aussprüche sind zu lesen (https://www.philomag.de/artikel/jochen-gimmel-mussemomente-ermoeglichen-uns-dinge-anders-wahrzunehmen, 2026): „Mit Muße ist nicht einfach freie Zeit gemeint, sondern zugleich die Bedingung wie auch das zentrale Strukturmoment des oben genannten Glücks, nämlich selbstzweckhaften Daseins.“ „Bei ihm (Aristoteles) ist der Begriff der Eudaimonia zentral, was sich mit „Begeisterung“ übersetzen lässt. Dabei handelt es sich um eine Art von Glück, das nicht in Happiness aufgeht. Es besteht darin, dass Handlungen und Situationen nicht Mittel zum Zweck sind, sondern in sich selbst erfüllend sind. Für dieses anspruchsvolle Glück bedarf es Freiräume von den Notwendigkeiten des Lebens, die ermöglichen, mit einer gewissen Distanz auf das Leben selbst zu sehen und sich dadurch erst wirklich bewusst zum eigenen Leben verhalten zu können.“
„Nun ist es aber wichtig, im Genuss nicht bloß passiv zu konsumieren, sondern ihn als solchen wahrzunehmen, als etwas, durch das man empfängt, aufnimmt, durch das man in eine Beziehung tritt. Man könnte vielleicht sogar sagen: Der Moment des Genusses ist eine existenzielle Erfahrung des In-der-Welt-Seins.“
Auch die Schmetterlingstage und der gesamte künstlerische Überbau durch die Mitwirkenden sind von Muße durchdrungen. Bereits in der ideengerichteten Konzeption geht es nicht um teleologischen Zwang. Das Glück der Planung, Umsetzung und Evaluation bezieht sich ganz stark auf das selbstzweckhafte Dasein von uns und den zukünftigen Kids. Prof. Dr.Hartmut Rosa würde hier den Resonanzbegriff anführen. Eine Anverwandlung der Welt. Ein freies Handeln und Schaffen von komplexen Situation und keine konstellativen Einzelhappen, die so oft in unserer Gesellschaft serviert werden und zur Entfremdung führen. Spiel- und Freiräume schaffen, die Erfahrungspotenziale sind. Bereits in der Konzeption stellt sich dieses Gefühl der inneren Stimmigkeit ein. Im Retreat selber merken wir dann die durchdringende Beziehungsebene des Designs. Sei es der neu aufgenommene Malort nach A. Stern oder das freie Bewegen in Raum. Sei es das künstlerische Gestalten von (Musik)Objekten oder das morgendliche Austauschen im Plenum. Sei es die Verantwortungsübernahme für sich und die Gruppe oder der respektvolle Umgang mit dem gesamten Ökosystem „Insel“ in der Sulzheimer Gemarkung. Diese existentiellen Erfahrungen des In-der-Welt-Seins sind spür- und beobachtbar. Nichts passiert in der toxischen Mittel-Zweck-Relation. Demnach kann die berühmte kantianische Menschheits-Zweck-Formel mit gutem Gewissen auf die Handlungssphäre expandiert werden. Die Handlung selber steht im Mittelpunkt. Die Kinder konsumieren nicht einfach das Programm, sondern empfangen und nehmen auf und gestalten aktiv. Sie reflektieren und internalisieren und liegen somit in der geistigen Hängematte des Glücks – was im Gegensatz zum woken Happinessbegriff steht, der hierzulande leider falsch verstanden wird, obwohl dieser in einer langen Tradition steht (Vipassana-Meditation). Dies ist aber ein anderes Thema.
Asante sana, Sapere aude & #behappy!!!
